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Sonntag, 6. November 2005, 21:38

So nah und doch so fern!

Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in SEOUL, 2.FILM PRODUCTION | ON TOUR

Mit dem Fahrstuhl in den falschen Stock, dann richtige Karte in falsche Zimmertür geschoben (verzeih mir lieber Nachbar) und jetzt, so zwischen 3 und 5 Uhr will ich auf die Toilette, und finde sie nicht. Ich bin überzeugt sie muss im Wandschrank sein. Ja, wir sind unterwegs, spätestens seit heute Nacht in Seoul. Und doch noch nicht angekommen.

Bis anhin hatte die Musik in mir unzählige Assoziationen ausgelöst. Sie bescherte Linderung im Liebeskummer. Sie konnte versöhnen. Den Uebergang vom Tag zur Nacht vorbereiten. Ich hatte Kino im Kopf, je nach Gefühlslage wurden Epen generiert. Aber jetzt sehe ich keine Visionen, sondern im kleinen 16:9 Farbsucher meiner HD-Kamera formieren sich die 1.2 Millionen Pixel zwar zu konkreten Bildern, doch es sind Auschnitte. Ich bin mit dem Riesending von einem Objektiv so nahe dran wie eine Marssonde beim Ueberflug. Jede kleinste Regung im Gesicht der Musiker offenbart sich. Manchmal gnadenlos. Jeder Augenaufschlag lässt mich für eine Millisekunde in die Seele schauen. Anstrengung, Ermüdung, Konzentration, Kampf, Erlösung. Glück. Landschaften tun sich auf. Und Geschichten. So nah und doch so fern!

Gestern bei der Probe haben wir 4 Kameramänner (jaja, es gibt keine Frauen in unserem Team) für Adès Asyla „frei“ bekommen. Wir sitzen auf den besten Plätzen im Auditorium. Was für ein Moment! Bis jetzt habe ich die Musiker nur durch den Sucher gesehen, dh alles reduziert sich in dieser beschränkten Sucher-Welt auf den Abbildungsmasstab des Objektives und die Blende /Zeit Kolleration. Und jetzt diese Totale. Keine Pixel. Alles Wirklichkeit. Ich bin erschlagen. Zum ersten Mal spüre ich das Ausmass, die Kraft dieser Musik ohne störenden Kopfhörer mit den kurzen Anweisungen des Regisseurs, die mich manchmal aus Sekundenträumen in die Wirklichkeit holen. „Näher zu den Hörnern, gib mir die Pauke, jetzt kommt gleich der Streichereinsatz, 2. Geigen, bleib auf dem Konzertmeister...“
Ich schiele zu Anthony rüber. Er sitzt neben mir. Eingesunken. Auch ihm fallen Tränen runter. Sie hat uns, die Magie der Musik. Und damit geben wir uns auch gleich die Antwort, warum wir das alles tun.

Jetzt wieder der Blick durch den Sucher. Und immer dieselbe Frage: Woran erinnert mich das Gesicht Simon Rattles beim Dirigieren? Ich sehe ihn dank Physik so nah, losgelöst vom Hintergrund, abstrakt. Ist das die Magie oder ist alles nur Projektion? Die gespiegelte Energie des Orchesters? Passion?
Jetzt nur die linke Hand, das Zittern des Zeige- und Ringfingers, das aufgerissene Auge. Was für ein Urgesicht!

Ich hab noch 20 Tage Zeit, es rauszufinden.

Ps: Gestern entdecke ich im Publikum während Strauss’s „Ein Heldenleben“ einen zehnjärigen Chinesenjungen, der gedankenverloren die Augen geschlossen hält, entrückt wie in Trance. Ich bin berührt. Ist das die völkerverbindende Uebersprache der Musik? Ist das der kulturelle Brückenschlag? Beim Näherzoomen entdecke ich seinen Gameboy.

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Moloch PekingSo far so good

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Kommentare:

+++ Nr. 1 +++

verfasst von Matthias (http://www.matthiasmelzer.com) am 07.11.2005 um 00:05

Toll, ein neuer Blogger. Finde ich super noch mehr Meinungen und Eindrücke zu lesen. So hat man noch mehr das Gefühl dabei zu sein. Ich freu mich schon auf die nächsten Einträge.

Coole Story mit dem Gameboy. Gibts das im Film zu sehen?

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  • Assistent Christian Struck
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  • Kameramann Alberto Venzago
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  • Line Producer Axel Johannis
  • Musiker Klaus Wallendorf
  • Pressesprecher Marc Chahin
  • Regieassistent Lukas Macher
  • Regisseur Thomas Grube

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