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Samstag, 19. November 2005, 17:48

Mantra Mantra Mantra Mantra

Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in TAIPEI, 2.FILM PRODUCTION | ON TOUR

Der Longshan (Drachenberg) Tempel wurde ursprünglich im Jahre 1738 gebaut. Seither, laut meinem offiziellen Reiseführer, dreimal zerstört. Einmal durch ein Erdbeben, das zweite Mal durch einen Taifun, und das dritte Mal, liebe Freunde des gehobenen Bildes, durch die US Armee. Soviel zur Völkerverständigung . Und zum Kampf der Völker.
Der Tempel ist Guanyin geweiht, dem Gott der Gnade. Alte Frauen beten in schwarzem Gewand. Unisono wird ein Mantra gesungen. Immer wieder. Immer wieder. Immer wieder.
Die Innigkeit der Gesichter hier an diesem Nachmittag inmitten dieser Millionenstadt berührt mich. Sie deckt sich mit den Gesichtern der Zuhörer von Hongkong, oder von gestern Abend auf dem Chan Kai Shek Platz. Was macht diese Magie aus? Ist das der „entscheidende Augenblick“, das Einswerden mit der Gottheit? Das Verschmelzen? Oder bin ich einfach durch die Räucherstäbchen benebelt?

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Freitag, 18. November 2005, 17:54

Diesen Kuss der ganzen Welt oder das Bad in der Menge

Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in TAIPEI

Simon Superstar. Was wenigen Popstars vorbehalten ist, gilt ab sofort für Sir Simon Rattle: Spätestens seit gestern gehören er und das Orchester der Liga der ultimativen Superstars an. Untermalt mit Samples vom schönen Götterfunken, der vom Platze Chiang Kai Sheks auf die ganze Welt überspringt, werden unsere Helden von Tausenden gefeiert. Auch die arme Elise allein am Klavier samt Klingeltönen muss hinhalten. Keine Berührungsängste zeigen die ausgeflippten Taiwanesen mit Klassik und vor allem mit ihren Protagonisten. Frenetisch werden sie umjubelt. Auch Sir Simon lässt sich anstecken. „Simon!!, Simon!!, Simon!!“ skandieren zehntausend Verrückte. Wie eine frisch vermählte Braut wirft Simon den Blumenstrauss in die tobende Menge. Ob der/die Fängerin der nächste Chefdirigent wird? Beethoven mit Klingeltönen? Aua, schnell ein paar Frühlingsröllchen in die Ohren gesteckt.

Ps. TV. Nachts im Hotelzimmer. Wir Schweizer haben’s geschafft, trotz fliegenden Eiern und Tritte ebenda sind wir seit Istanbul an der WM dabei.
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Mittwoch, 16. November 2005, 13:11

C’est pas une image juste, c’est juste une image

Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in HONG KONG, 2.FILM PRODUCTION | ON TOUR


Mein Horoskop (Tiger) macht Mut: Alles wird heute gut. Nur nichts forcieren, das Glück ist auf meiner Seite. Es ist Abend. Mein Glück hat sich auf das ganze Orchester ausgeweitet. Heute spielen sie wirklich wie Engel! Energie pur. Das Konzert wird live auf drei Bildschirmen um das Kulturzentrum übertragen. Im Hintergrund die Skyline von Hongkong. Millionen Lichter spiegeln sich im Wasser. Und mitten im Adès geht eine lautlose Lasershow los, gebündeltes Licht schiesst aus den Spitzen der Hochhäuser auf der andern Seite des Hafenbeckens in den Nachthimmel. Dazu die geballte Kraft der Musik.
In meinem Kamerasucher wirken die aufgezoomten Gesichter entrückt. Nicht von dieser Welt. Keine Asiaten, keine Europäer, alles verschmilzt. Ich würde gerne tiefer sehen können. Durch ihre Augen in die Seele.
Aber eben, ich bleib immer nur Beobachter. Und die Gesichter bleiben Abbilder eines Momentes. C’est pas une image juste, c’est juste une image.

Während ich dies im Hotel in Taipai schreibe, übt mein Nachbar Posaune. Tonleiter rauf und runter. Wie die Leuchtdioden am Aufzug. Ich erinnere mich an ein Fotobuch von einer Tournee der Berliner Philharmoniker in den 80er Jahren durch Japan. Damals hiess es, Björn Borg sei fluchend am Hotelempfang aufgetaucht: “Stop that fucking hornplayer“.

Ich nimms gelassen. Bin ja schon seit 2 Wochen in Asien.


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Mittwoch, 16. November 2005, 01:57

Eine Liebeshymne oder “Du klingst ja schlimmer als Werner Herzog!!”

Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in SHANGHAI

Meeting Venus
going home
Shanghai, dein Namen inspiriert mich seit Kindsbeinen. Du bist wie eine Geliebte. Zum dritten Mal in diesem Jahr bin ich hier, und immer wieder bist du anders. Was gleich bleibt ist mein Ritual des doppelten Whyskies im elften Stock auf dem Dach des “Peace”- Hotels: Ist es der leicht süsslich modernde Mief im Lift, der mich inspiriert? Es riecht nach Kippling und Kolonialabenteurern. Oder ist es das tiefe wagnerische Tröten der Nebelhörner vorbeiziehenden Lastschiffe? Das stündliche Glockenschlagen des Towers? Die Anzüge der Liftboys aus den 30er Jahren unten in der Lobby? Oder braucht es die Skyline von Budong in ihrer atemberaubender Schönheit ? (huch, was für ein Wort, und doch so treffend).
Diesmal erscheinst du verhüllt. Es nieselt. Du behältst dich bedeckt. Die goldenen Pagodenhütchen deiner Stockwerkriesen erscheinen in den rasend schnell vorbeiziehenden Nebelkaskaden unwirklich. Verklärte Nacht. Nur bei Riddley Scott in "Bladerunner " wars ein bischen schöner, doch waren dort die einzelnen szenen zu kurz, es gab zwar Harrison Ford und geklonte Fieslinge, und endlosen Regen, doch hier dauern die scenes eine Ewigkeit. Oder mehr. Keine quickies .
Und noch dies: Dein Name wird nirgends sexier geflüstert als am Flughafen. “S H A N G H A I”. Phonesex klingt daneben wie Bibel-lesen.
Meine Freundin ruft inmitten der Nacht an: “Du klingst ja schlimmer als Werner Herzog!!”


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Sonntag, 6. November 2005, 21:38

So nah und doch so fern!

Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in SEOUL, 2.FILM PRODUCTION | ON TOUR

Mit dem Fahrstuhl in den falschen Stock, dann richtige Karte in falsche Zimmertür geschoben (verzeih mir lieber Nachbar) und jetzt, so zwischen 3 und 5 Uhr will ich auf die Toilette, und finde sie nicht. Ich bin überzeugt sie muss im Wandschrank sein. Ja, wir sind unterwegs, spätestens seit heute Nacht in Seoul. Und doch noch nicht angekommen.

Bis anhin hatte die Musik in mir unzählige Assoziationen ausgelöst. Sie bescherte Linderung im Liebeskummer. Sie konnte versöhnen. Den Uebergang vom Tag zur Nacht vorbereiten. Ich hatte Kino im Kopf, je nach Gefühlslage wurden Epen generiert. Aber jetzt sehe ich keine Visionen, sondern im kleinen 16:9 Farbsucher meiner HD-Kamera formieren sich die 1.2 Millionen Pixel zwar zu konkreten Bildern, doch es sind Auschnitte. Ich bin mit dem Riesending von einem Objektiv so nahe dran wie eine Marssonde beim Ueberflug. Jede kleinste Regung im Gesicht der Musiker offenbart sich. Manchmal gnadenlos. Jeder Augenaufschlag lässt mich für eine Millisekunde in die Seele schauen. Anstrengung, Ermüdung, Konzentration, Kampf, Erlösung. Glück. Landschaften tun sich auf. Und Geschichten. So nah und doch so fern!

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  • Alexander D. McWilliam
  • Assistent Christian Struck
  • Berliner Philharmoniker
  • Kameramann Alberto Venzago
  • Komponist Simon Stockhausen
  • Line Producer Axel Johannis
  • Musiker Klaus Wallendorf
  • Pressesprecher Marc Chahin
  • Regieassistent Lukas Macher
  • Regisseur Thomas Grube

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