Samstag, 19. November 2005, 17:48
Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in TAIPEI, 2.FILM PRODUCTION | ON TOUR
Der Tempel ist Guanyin geweiht, dem Gott der Gnade. Alte Frauen beten in schwarzem Gewand. Unisono wird ein Mantra gesungen. Immer wieder. Immer wieder. Immer wieder.
Die Innigkeit der Gesichter hier an diesem Nachmittag inmitten dieser Millionenstadt berührt mich. Sie deckt sich mit den Gesichtern der Zuhörer von Hongkong, oder von gestern Abend auf dem Chan Kai Shek Platz. Was macht diese Magie aus? Ist das der „entscheidende Augenblick“, das Einswerden mit der Gottheit? Das Verschmelzen? Oder bin ich einfach durch die Räucherstäbchen benebelt?
Freitag, 18. November 2005, 17:54
Diesen Kuss der ganzen Welt oder das Bad in der Menge
Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in TAIPEI
Ps. TV. Nachts im Hotelzimmer. Wir Schweizer haben’s geschafft, trotz fliegenden Eiern und Tritte ebenda sind wir seit Istanbul an der WM dabei.
Mittwoch, 16. November 2005, 13:11
C’est pas une image juste, c’est juste une image
Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in HONG KONG, 2.FILM PRODUCTION | ON TOUR
Mein Horoskop (Tiger) macht Mut: Alles wird heute gut. Nur nichts forcieren, das Glück ist auf meiner Seite. Es ist Abend. Mein Glück hat sich auf das ganze Orchester ausgeweitet. Heute spielen sie wirklich wie Engel! Energie pur. Das Konzert wird live auf drei Bildschirmen um das Kulturzentrum übertragen. Im Hintergrund die Skyline von Hongkong. Millionen Lichter spiegeln sich im Wasser. Und mitten im Adès geht eine lautlose Lasershow los, gebündeltes Licht schiesst aus den Spitzen der Hochhäuser auf der andern Seite des Hafenbeckens in den Nachthimmel. Dazu die geballte Kraft der Musik.
In meinem Kamerasucher wirken die aufgezoomten Gesichter entrückt. Nicht von dieser Welt. Keine Asiaten, keine Europäer, alles verschmilzt. Ich würde gerne tiefer sehen können. Durch ihre Augen in die Seele.
Aber eben, ich bleib immer nur Beobachter. Und die Gesichter bleiben Abbilder eines Momentes. C’est pas une image juste, c’est juste une image.
Während ich dies im Hotel in Taipai schreibe, übt mein Nachbar Posaune. Tonleiter rauf und runter. Wie die Leuchtdioden am Aufzug. Ich erinnere mich an ein Fotobuch von einer Tournee der Berliner Philharmoniker in den 80er Jahren durch Japan. Damals hiess es, Björn Borg sei fluchend am Hotelempfang aufgetaucht: “Stop that fucking hornplayer“.
Ich nimms gelassen. Bin ja schon seit 2 Wochen in Asien.
Mittwoch, 16. November 2005, 01:57
Eine Liebeshymne oder “Du klingst ja schlimmer als Werner Herzog!!”
Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in SHANGHAI
Diesmal erscheinst du verhüllt. Es nieselt. Du behältst dich bedeckt. Die goldenen Pagodenhütchen deiner Stockwerkriesen erscheinen in den rasend schnell vorbeiziehenden Nebelkaskaden unwirklich. Verklärte Nacht. Nur bei Riddley Scott in "Bladerunner " wars ein bischen schöner, doch waren dort die einzelnen szenen zu kurz, es gab zwar Harrison Ford und geklonte Fieslinge, und endlosen Regen, doch hier dauern die scenes eine Ewigkeit. Oder mehr. Keine quickies .
Und noch dies: Dein Name wird nirgends sexier geflüstert als am Flughafen. “S H A N G H A I”. Phonesex klingt daneben wie Bibel-lesen.
Meine Freundin ruft inmitten der Nacht an: “Du klingst ja schlimmer als Werner Herzog!!”
Sonntag, 6. November 2005, 21:38
Verfasst von Kameramann Alberto Venzago in SEOUL, 2.FILM PRODUCTION | ON TOUR
Bis anhin hatte die Musik in mir unzählige Assoziationen ausgelöst. Sie bescherte Linderung im Liebeskummer. Sie konnte versöhnen. Den Uebergang vom Tag zur Nacht vorbereiten. Ich hatte Kino im Kopf, je nach Gefühlslage wurden Epen generiert. Aber jetzt sehe ich keine Visionen, sondern im kleinen 16:9 Farbsucher meiner HD-Kamera formieren sich die 1.2 Millionen Pixel zwar zu konkreten Bildern, doch es sind Auschnitte. Ich bin mit dem Riesending von einem Objektiv so nahe dran wie eine Marssonde beim Ueberflug. Jede kleinste Regung im Gesicht der Musiker offenbart sich. Manchmal gnadenlos. Jeder Augenaufschlag lässt mich für eine Millisekunde in die Seele schauen. Anstrengung, Ermüdung, Konzentration, Kampf, Erlösung. Glück. Landschaften tun sich auf. Und Geschichten. So nah und doch so fern!
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